Nach dem Sterneregen kommen die Gault Millau Punkte
|
|
Kaum sind die ersten Freudentränen getrocknet, Schweißperlen weggewischt und Baldriantropfen zur Beruhigung geschluckt, wenn die alljährlichen Sterne des Guide Michelin verkündet werden (wir berichteten), muss gleich die nächste Nervennahrung und mögliche Sauerstoffzelte bereitgestellt werden, wenn der wundervolle, zu Recht für seine pointierten Kommentierungen gefürchtete, Gault Millau sich zu Wort meldet.
Während der Guide Michelin landläufig als der konservativeren Ansatz in Bezug auf Küchenkunst angesehen wird, öffnete sich der Gault Millau in der Vergangenheit auch gerne einmal für moderne, experimentellere Ansätze. Bei der Betrachtung der Bewertungen von Berlin in beiden Gourmet-Führern kann festgestellt werden, dass sie durchaus beides berücksichtigen. Die Avantgarde kommt nicht zu kurz. Endlich.
Mit dem zweiten Stern für das Restaurant Reinstoff hat der Michelin durchaus für Erstaunen gesorgt, Erzkonservative Kritiker, wie Morgenpost-Kolumnist und Hoteltest-Veteran Heinz Horrmann, halten diese Bewertung als "überzogen, ja für falsch". Andere atmen erleichtert auf, dass professioneller Service auch einen legeren Hauch von Fröhlichkeit verbreiten kann und jubeln, wie eine Küche den regionalen Charakter wahrt und zugleich sensationell experimentell zubereitet. Das Ganze dann noch in einem Raum in modernem Chic, ganz ohne steife und neobarocke Kronleuchterei, wie sie in sehr vielen der Sternerestaurants unter dem Dach eines Hotels leider immer noch üblich ist.
Während der Michelin drei Restaurants der Hauptstadt mit zwei Sternen gleichberechtigt auszeichnet (Reinstoff, Lorenz Adlon, Fischers Fritz), sieht der Gault Millau einen einzelnen (und dann auch noch avantgardistischen) Spitzenreiter auf Platz eins der Berliner Gourmet-Liga: Tim Raue erhält sagenhafte 19 von 20 möglichen Punkten. Die Autoren von "Berlin beißt sich durch", Martina Marx und Peter Eichhorn, sind bekennende Fans der Küche Raues und begleiten diese genussvoll bereits vom "44" in Charlottenburg über "Ma" in Mitte bis zur aktuellen Kreuzberger Adresse. Daher gratulieren wir von Herzen zu der würdigen Auszeichnung.
Ob Herr Horrmann gratuliert werden wir sicher demnächst in seiner Kolumne erfahren. Zuletzt beschwerte er sich dort über das Wandbild, da es Müllsäcke abbildet und auch die Tim Raue Version einer Peking Ente konnte ihn damals leider nicht begeistern, wenngleich die mehrteilige Komposition an Aromenvielfalt, unterschiedlichen Mundgefühlen und großartiger Produktqualität kaum zu übertreffen ist. Das moderne bei Tim Raue ist das zugleich zeitlose. Das pure Aroma und das geniale Produkt stehen im Vordergrund. Dann überlegt er, wie verwegen oder minimalistisch er es verwandelt. (In unserem Bild übrigens Tim Raues famos-puristischer "Japanischer Garten".)
Wie wundervoll, wenn das Neue, das Kühne, das Erfrischende seinen Raum findet, wenn es darum geht, Küchenleistung und Genuss zu betrachten. Als Autor eines winzigen Achtungserfolges wie "Berlin beißt sich durch" und zugleich relativer Neuling im Haifischbecken des Gastro-Journalismus, durfte ich erleben, wie störend ein neuer, kreativer Ansatz im Kreise der ewigen Berliner Platzhirsche wahrgenommen wird. Da kommen sie, die Nachwuchsautoren, die Food-Blogger und Social-Media-Gourmets. Da werden mit zittrigen Fingern rasch noch einmal die Dritten Zähne gewetzt, um kräftig nach ihnen zu schnappen. Warum sollte es den Schreiberlingen auch anders ergehen, als den Köchen. Wir sollten es als Kompliment betrachten, bevor der Generationenwechsel an Herden und Tastaturen endlich vollzogen ist.
Alle Bücher